Lieber Levent, Mineralwasser hat in der Gastronomie oft eine Nebenrolle. Was hat dein Bewusstsein für Mineralwasser geweckt?
Der Moment kam zu Beginn meiner Ausbildung zum Wasser-Sommelier bei GastroSuisse. Vor mir standen vier Gläser mit Wasser. Sie sahen gleich aus und rochen gleich. Erst beim genauen Probieren, und mit jedem weiteren Tag der Ausbildung, wurde mir klar, wie unterschiedlich diese vier Wässer sind. Manche wirken weich und zurückhaltend, andere zeigen eine ausgeprägte Mineralität oder eine markante Frische.
Das hat mich fasziniert. Ich wollte tiefer in diese Welt eintauchen und herausfinden, was uns die Natur hier anbietet. Heute möchte ich diese Unterschiede für Gäste erlebbar machen, denn echter Genuss beginnt oft dort, wo wir uns Zeit nehmen, genau hinzuschmecken.
Beim Wein spricht man vom Terroir. Welche Rolle spielen Herkunft und Mineralisierung bei Mineralwasser?
Wasser ist ein Naturprodukt, das durch seine Umgebung geprägt wird. Auf seinem Weg durch unterschiedliche Gesteinsschichten nimmt es Mineralstoffe auf. So entsteht, abhängig von Geologie und Quelle, eine ganz individuelle Zusammensetzung.
Diese Mineralisierung beeinflusst Geschmack und Mundgefühl. Calcium kann zu einem volleren, teilweise kreidigen Eindruck beitragen, Magnesium kann eine markante, leicht bittere Note mitbringen, und Natrium kann die Wahrnehmung von Salzigkeit beeinflussen. Auch Hydrogencarbonat und Kohlensäure verändern das sensorische Erlebnis.
Für mich ist Mineralwasser flüssiger Ausdruck seiner Herkunft. Es geht nicht darum, ein Wasser als besser oder schlechter zu bewerten, sondern um seinen Charakter und die Frage, wozu es passt. Wie beim Wein liegt der Reiz darin, die Unterschiede zu entdecken.

Wie lässt sich Mineralwasser mit anderen Getränken kombinieren, und welche Geschmackserlebnisse sind dabei möglich?
Mineralwasser ist ein eigenständiger Teil des Genusserlebnisses und kann gleichzeitig andere Getränke auf spannende Weise begleiten. Entscheidend sind Mineralisierung, Kohlensäure und das Zusammenspiel der Aromen.
Zu einem Schaumwein passt in der Regel ein stilles Wasser besonders gut, da es seine Frische nicht mit zusätzlicher Kohlensäure überlagert. Auch ein feiner Rotwein wird von einem milden Wasser ohne Kohlensäure meist besser begleitet, weil es die zarten Aromen und die Tannine nicht stört. Bei kräftigeren Weinen oder Spirituosen lohnt es sich, genauer hinzuschauen: Je nach Mineralisierung kann Wasser die Wahrnehmung von Säure, Süsse, Bitterkeit und Tanninen verändern.
Dabei soll das Wasser nicht dominieren, sondern das gewünschte Geschmackserlebnis unterstützen.
Das ist für mich die Kunst des Pairings: nicht einfach zwei Getränke nebeneinanderzustellen, sondern eine harmonische Verbindung zu schaffen, in der beide ihre Qualitäten entfalten.

In der gehobenen Gastronomie wird viel Wert auf die Wahl von Weinen und Spirituosen gelegt. Wie kann eine Mineralwasser-Auswahl das Angebot bereichern?
In der gehobenen Gastronomie ist jedes Detail Teil des Gesamterlebnisses. Wir beschäftigen uns intensiv mit der Herkunft der Produkte, der Qualität der Zutaten und der passenden Weinbegleitung. Mineralwasser verdient dieselbe Aufmerksamkeit.
Eine sorgfältig zusammengestellte Wasserauswahl erlaubt es, Gästen unterschiedliche Geschmacksprofile anzubieten, von weich und zurückhaltend bis kräftig mineralisch und lebendig perlend. Das richtige Wasser kann ein Gericht begleiten, den Gaumen erfrischen oder die Wahrnehmung eines Weins beeinflussen.
Es braucht dafür nicht eine riesige Wasserkarte. Schon eine kleine, gut durchdachte Auswahl mit unterschiedlichen Charakteren schafft einen Mehrwert. Wichtig ist, dass das Serviceteam die Unterschiede kennt und Empfehlungen aussprechen kann.
Für mich bedeutet gehobene Gastfreundschaft, auch die kleinen Entscheidungen mit Sorgfalt zu treffen. Wenn wir Wasser mit derselben Aufmerksamkeit servieren wie Wein, zeigen wir unseren Gästen, dass Genuss nicht vom Alkoholgehalt abhängt, sondern von Qualität, Wissen und Liebe zum Detail.

Immer mehr Gäste entscheiden sich für weniger oder keinen Alkohol. Welche Chancen bietet hier Mineralwasser für die Barkultur?
Ich sehe darin eine grosse Chance, die Barkultur neu zu denken. Immer mehr Menschen möchten auf Alkohol verzichten oder ihren Konsum reduzieren, ohne dabei auf Genuss, Kreativität und das besondere Erlebnis eines guten Drinks zu verzichten.
Mineralwasser ist dabei mehr als nur die Basis für alkoholfreie Cocktails. Mit seiner natürlichen Mineralisierung, seiner Textur und der unterschiedlichen Kohlensäure bringt es bereits eine spannende sensorische Grundlage mit. Kombiniert mit Kräutern, Gewürzen, Zitruszesten oder saisonalen Zutaten entstehen Getränke, die Frische, Komplexität und Eleganz vereinen.
Besonders reizvoll finde ich die Idee, Wasser nicht einfach mit möglichst vielen Zutaten zu verändern, sondern seinen Charakter gezielt einzusetzen. In einer Kreation kann ein fein perlendes Wasser die Frische betonen, während ein stilles Wasser zurückhaltende Eleganz ermöglicht.
Die Zukunft der Barkultur sehe ich nicht nur in immer neuen Cocktails, sondern in einer breiteren Genusskultur. Ein alkoholfreies Getränk sollte keine Ersatzlösung sein, sondern eine echte Wahl.
Genuss braucht nicht zwingend Alkohol, sondern Aufmerksamkeit, Qualität und die Neugier, Neues mit allen Sinnen zu entdecken.
